Neue Perspektiven auf Münster

Dreizehn weitere Künstler:innen und Künstler:innenkollektive der Skulptur Projekte Münster 2027 werden bekanntgegeben 

03/11/2026

Nolan Oswald Dennis zusammen mit dem Team der Skulptur Projekte Münster 2027, Foto: Hanna Neander / LWL

Die Skulptur Projekte 2027 nehmen weiter Gestalt an! 

Nach der Vorstellung der ersten fünf künstlerischen Positionen im Juni (Róza El-Hassan, Hew Locke, Oscar Murillo, Selma Selman und Iza Tarasewicz) stehen nun dreizehn weitere Künstler:innen und Künstler:innenkollektive fest. Insgesamt werden rund dreißig künstlerische Positionen die kommende Ausgabe gestalten. 

Unter dem Leitmotiv Kontinuität im Wandel knüpft die Künstlerische Leitung What, How & for Whom / WHW gemeinsam mit den Kurator:innen Vincent Schier und Eva Wilson an die einzigartige Tradition der Skulptur Projekte als Künstler:innenprojekt an. Ausgehend von Münsters Geschichte und Gegenwart sowie ihren eigenen Erfahrungen und Perspektiven entwickeln die Künstler:innen ortsspezifische Arbeiten. Die Innenstadt von Münster bleibt dabei Standort für einen Großteil der sechsten Edition der Skulptur Projekte. Zugleich bezieht die Ausstellung auch Nachbarschaften ein, die in früheren Ausgaben weniger präsent waren.

 

Wissen, Sprache und gemeinschaftliches Gestalten

Mercedes Azpilicueta entwickelt eine imaginäre Landschaft, die sich spielend erleben lässt und gleichzeitig das Augenmerk auf die Pflanzenwelt des Stadtviertels richtet. In Zusammenarbeit mit Anwohner:innen des Stadtteils Berg Fidel sowie Botaniker:innen, Poet:innen, Performer:innen und Architekt:innen fragt Azpilicueta, wie Geschichten und Interaktionen zwischen Menschen, Pflanzen und anderen Lebensformen Möglichkeiten eröffnen können, sich neue Welten vorzustellen.

Ebenfalls in Berg Fidel, im Süden Münsters, setzt Nolan Oswald Dennis den Stadtteil mit dem Kosmos in Beziehung. Dafür entsteht ein astronomisches Observatorium, das auch als Kalender für die Nachbarschaft dient. Dennis interessiert sich dafür, wie neue Zugänge zu Allgemeinwissen geschaffen werden können und erforscht, was er selbst „Schwarzes Raumbewusstsein“ nennt. 

Alice Creischer und Andreas Siekmann beschäftigen sich damit, wie Sprache öffentliche Debatten beeinflusst. In ihren Arbeiten greifen sie häufig konkrete historische Ereignisse auf und verwandeln sie in neue poetische Formate, die auch politische und ökonomische Machtverhältnisse adressieren.. Für Münster haben Creischer und Siekmann sieben Debatten als ihr Ausgangsmaterial ausgewählt, die zwischen 2019 und 2025 im Deutschen Bundestag gehalten wurden. Andreas Siekmann nahm bereits 2007 an der vierten Ausgabe der Skulptur Projekte teil.

 

Zwischen Stadt und Land

Die Mitgründerinnen des Künstler:innenkollektivs Myvillages, Wapke Feenstra und Kathrin Böhm, erkunden den ländlichen Raum in Münster und im umliegenden Münsterland. Dabei beschäftigen sie sich mit ganz unterschiedlichen Formen von Wissen, gemeinsam gestalteter Kultur und vielfältigen Wirtschaftsformen auf dem Land. Sie machen sichtbar, wie Geschichten und Beziehungen in der Stadt und auf dem Land miteinander verflochten sind. Für ihr Projekt arbeiten Menschen aus verschiedenen Bereichen und Generationen zusammen und hinterfragen durch gemeinsames (Ver)Lernen die Annahme einer kulturellen Vorrangstellung der Stadt.

Kosen Ohtsubo begann in den 1960er-Jahren, Ikebana zu erlernen – eine traditionelle japanische Kunstform, die mit Pflanzen arbeitet. Seitdem hat er eigene Ausdrucksformen entwickelt, die über die konventionellen Vorstellungen von Schönheit hinausgehen. In seinen großformatigen Installationen verwendet Ohtsubo Materialien aus dem Alltag, etwa Gemüse, abgetragene Kleidung und weggeworfene Gegenstände. Für Münster arbeitet er mit Apfelbäumen aus der Region, die gefällt werden, wenn sie keine Früchte mehr tragen. Gemeinsam mit einem Team vor Ort schafft er daraus eine große Installation unter freiem Himmel in Münsters Stadtzentrum.

Kapwani Kiwanga untersucht Machtstrukturen und den Einfluss der Geschichte auf unsere Gegenwart. Ihr Projekt widmet sich den enormen Zeitspannen der Erdgeschichte und macht diese durch eine eigene Form der Zeitmessung erfahrbar. Im Mittelpunkt steht dabei Wasser und seine Wandelbarkeit: Es ist Lebensgrundlage, erodiert über lange Zeit selbst Stein, dient in Wasseruhren der Zeitmessung oder kann als Kriegswaffe eingesetzt werden. Letzteres ist eng mit Münsters Geschichte verwoben: Im Jahr 1660 ließ der Fürstbischof die Aa aufstauen, um die Stadt zu überfluten und so den Widerstand der Bürger:innen gegen seine Belagerung zu brechen.

Welche Geschichten werden erzählt und erinnert?

In der Nähe einer belebten Kreuzung am Eingang zur historischen Innenstadt Münsters spielt Iman Issa mit den gängigen Formen des öffentlichen Denkmals und Gedenkens. Ausgehend von Ruinen und ihrem Nachleben untersucht sie, wie Objekte durch eine bewusste Kontextverschiebung unterschiedlich interpretiert werden können. Dabei stellt sie die Frage, wer darüber entscheidet, was im öffentlichen Raum gezeigt und wie es „gelesen“ wird.

Natascha Sadr Haghighian schafft mit ihrem Projekt einen Ort, der dem Trauern und Gedenken dienen soll. In ihrer künstlerischen Praxis zeichnet sie oft persönliche Geschichten nach und macht dabei die gesellschaftlichen Zustände sichtbar, die diese Lebenswege bestimmen. Indem sie Erfahrungen und Strukturen migrantischer Gemeinschaften in Deutschland aufgreift, setzt sich Sadr Haghighian mit der Gewalt auseinander, die von Rassismus, Enteignung, Vertreibung und Ausgrenzung ausgeht.

Ashfika Rahman beschäftigt sich in Münster mit unsichtbarer oder unsichtbar gemachter Arbeit. Geprägt durch ihre Kindheit, in der sie mit ihrer Mutter, einer Sozialarbeiterin, durch Bangladesch reiste, dokumentiert Rahman in ihrer Praxis häufig Stimmen von Menschen, die sonst wenig Gehör finden. Mit Poesie, Zeichnungen und mit den Worten vergessener Sprachen verwebt sie deren Erfahrungen zu komplexen Installationen, die Fragen sozialer Gerechtigkeit sowie Menschen-, Land- und Frauenrechte aufgreifen.

 

Spuren von Krieg, Gewalt und Vertreibung

Vlatka Horvat recherchiert für die Skulptur Projekte 2027 zu einem Friedensdenkmal, das 1905 in Münster errichtet und 1942 im Dienst der Rüstungsindustrie des Zweiten Weltkriegs eingeschmolzen wurde. Ihre Arbeit entwickelt Horvat als Antwort auf diese Geschichte: Sie schafft Beobachtungsinstrumente, die die sie umgebende Landschaft und den Himmel sinnlich erfahrbar machen. Zugleich werfen sie die Frage auf, wie sich der Blick in den Himmel in Friedens- und Kriegszeiten unterscheidet.

Anton Kats interessiert sich in seiner künstlerischen Arbeit für die Zusammenhänge zwischen historischen und heutigen Formen des Faschismus. Ausgangspunkt ist oft der anhaltende Krieg in der Ukraine. Für sein Projekt in Münster verbindet er Fragen politischer und territorialer Ordnungen mit musikalischen Stimmsystemen und dem Instrumentenbau. Seine interaktive Skulptur für Kinderhaus, in Münsters Norden, ist als gemeinschaftliches Instrument gedacht, das bestehende Ordnungen unterbrechen und neue Orientierungsmöglichkeiten eröffnen soll.

Khalil Rabah hat sich über viele Jahre kritisch mit Fragen von Identität und Zugehörigkeit beschäftigt. Sein Projekt für Münster macht Spannungen zwischen Mobilität und Eingrenzung, Kultivierung und Ausbeutung sowie Verwurzelung und Vertreibung sichtbar. Angesichts ungewisser Lebenssituationen untersucht er, wie Zugehörigkeit immer wieder neu entsteht und ausgehandelt werden muss. 

Im Garten des ehemaligen Offizierskasinos im York-Quartier in Gremmendorf, im Süden Münsters, zeigt Ali Cherri großformatige skulpturale Arbeiten. Das während des Nationalsozialismus errichtete Gebäude diente später britischen Streitkräften als Unterhaltungsort. Cherris traumartige Szenarien beschäftigen sich mit dem Leben von Soldat:innen. Er stellt den körperlichen Folgen militärischer Disziplin Müdigkeit, Erschöpfung und Schlaf gegenüber – als subtile Symbole von Verletzlichkeit und Widerstand.

 

Nachbarschaftspartnerinnen

Lokale Beziehungen und Netzwerke spielen eine wichtige Rolle für die Skulptur Projekte Münster 2027. Das kuratorische Team und das Vermittlungsteam um Barbara Kiolbassa arbeiten dafür mit drei Nachbarschaftspartnerinnen zusammen: Gabriela Exner, Natividad Abaga Ayecaba und Luzy Ludwig. Durch ihre engen Vernetzungen in Kinderhaus, Berg Fidel und Gremmendorf fließen Perspektiven der Nachbarschaften zentral in die Entwicklung der Ausstellung ein. Sie beraten das Team und die Künstler:innen zu Fragen der Teilhabe, Inklusion und Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort.

 

Ausblick auf 2027

Die vollständige Liste der künstlerischen Positionen und Projekte geben die Skulptur Projekte am 17. März 2027 bekannt. Ab diesem Tag sind auch Führungen buchbar.
 
Die öffentliche Eröffnungsfeier findet am 12. Juni 2027 statt. Vom 13. bis zum 20. Juni lädt ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm zum Mitmachen und Entdecken ein. Die Ausstellung ist vom 13. Juni bis zum 3. Oktober 2027 zu sehen.